Über Stereotypie, Vorurteile und Sprachgebrauch

Ich lebe schon seit über zehn Jahren in Deutschland, und ich nenne Deutschland, Bayern, München “Heimat”. Mein Zuhause ist hier, mein Leben ist nun hier. Ob das in der Zukunft so bleiben wird oder ob wir uns mal für ein anderes Land entscheiden, ob Rumänien oder doch sonst wo weiter weg, kann ich jetzt nicht sagen, und das ist gut so.
Ich kam nach Deutschland als Teenager, gerade frisch von Gymnasium, mit der Idee eines Auslandjahres, daraus wurden mehrere Jahren. Ich habe hier studiert, mir Freunde gemacht, eine Familie gefunden… Momentan dreht sich alles, was zu meinem Leben dazu gehört, in und um München. Natürlich habe ich noch Familie und Freunde im Heimatland, aber ich habe auch Familie und Freunde hier und überall in der Welt verteilt.


Ja, ich bin immernoch ein typisches Beispiel eines “nicht deutschstämmigen” Menschen, der bei Traurigkeit, Ärger, Wut und Melancholie, eine Sehnsucht nach dem “Daheim”, das eben nicht hier ist sondern dort, wo er geboren ist, wo seine Eltern hausen, hat. Aber wenn wir dort sind, packt uns genauso sehr die Sehnsucht nach dem eigenen Zuhause, das was wir als Zuhause gewählt haben.  Und daraus eine negative Sache zu machen ist es meiner Meinung nach grundsätzlich einfach nur idiotisch.
Wir sind deswegen keine Unmenschen, wir sind deswegen in keiner Weise minderwertig oder anders in einer negativen Art und Weise. Genau im Gegenteil. Wir sind positiv anders. Wir haben Einblick in zwei (manchmal auch mehr) unterschiedliche Gesellschaften und Kulturen. Wir sind damit aufgewachsen oder leben damit seit mehreren Jahren und haben öfters ein breiteres Spektrum für das was für uns Kultur, Gesellschaft, Zuhause, Heimat und Unterschied bedeutet.
Als Studierende von interkulturellen Fächern habe ich es am Anfang schwer mit interkulturellen Theorien (oft einfach nur trocken und in einem sehr schweren Deutsch ausgedrückt) gehabt. Wie sonst wo auch, hauen sich gerade hier die meisten Theoretikern die Köpfe darüber ein – natürlich sehr extrem ausgedrückt – welches Fachwort wofür verwendet werden soll (Ausländer, ausländischer Mitbürger, Einwanderer, Zuwanderer, Migrant, Mensch mit Migrationsintergrund, inter- oder transkulturell, ein-, zwei-, mehrsprachig) und wo die Grenzen der einer Bezeichnung enden und die einer Neuen anfangen, welcher Theoretiker hat welche Affinität zu einer Bezeichnung und welcher zur einer Anderen. Ich habe aber auch teilweise, als Studentin, eine einfache Sturheit festgestellt und keine Zusammenarbeit, in einer, für heute, sehr wichtigen fachlichen Studienrichtung. Diese Sturheit stellt man, als in Deutschland lebender Mensch mit Migrationhintergrund, aber auch im Alltag fest, aber hier begrenzt sich die Uneinigkeit nicht darauf ob man inter- oder transkulturell ist. Hier geht es darum, woher man kommt. Kommt man beispielsweise aus Frankreich, Italien oder England wird man anders gesehen als wenn man aus Bulgarien, der Ukraine, Rumänien & co. kommt. Doppelte Standards nennt man das, wenn ich mich richtig erinnere. Jetzt eine ganz schön lange, endlose Diskussion darüber wieso das so ist anzufangen wäre ziemlich anstrengend und viel zu polemisch, deswegen lass ich es lieber.
Ein Thema, das für mich doch wichtig ist, ist die Benutzung oder eben die (Über)Wichtigkeit der Benutzung der Sprache – die oft als ein Symptom für eine immer mehr begrenzende Gesellschaft angesehen werden kann.
Ich habe meinen Teil an Äußerungen über meine (Aus)Sprache als Deutschnichtmuttersprachlerin – ja, ich reserviere mir hier das Recht auf Okkasionalismen – gehabt, und manche waren relativ witzige, putzige Äußerungen, manchmal schmeichelhaft, aber die meisten einfach nur fehl am Platze und schlichtweg verletzend.
Deutsch ist, für mich persönlich und viele romanischstämmige Menschen, keine einfach zu lernende Sprache. Natürlich gibt es, womöglich, viel schwierigere Sprachen zum lernen, ich stelle mir jede asiatische Sprache als schwer zu lernen vor, oder gar Russisch oder Griechisch, vorallem weil man ein neues Alphabet lernen muss – wobei sogar hier muss man je nach Sichtweise differenzieren.

Zurück zur deutschen Sprache.

So, Deutsch war damals, nach Italienisch, Englisch, Latein, Französisch (eine Sprache, obwohl lateinischer Ursprungs, die ich bis dahin als die schwierigste ansah – nunja, heute ist sie immernoch nicht meine liebste Sprache und zugegebenermaßen ist die Sprache bei mir auf einem zwei- oder dreijährigen Schulniveau fossilisiert, zumindest in der aktiven Nutzung) und etwas Spanisch, meine (oha!!) sechste Fremdsprache, die ich zu lernen versuchte – der Unterschied zu den anderen war eben, dass ich sie direkt in Deutschland lernen musste. Alles was ich bei meiner Ankunft in Deutschland konnte war Guten Tag zu sagen und bis zehn zu zählen.
Die Zeiten haben sich schon geändert, aber ich glaube, zumindest kam es mir so vor, es war damals schwieriger mit Englisch durch zu kommen als heute.
Wie auch immer, jetzt, sehr lange Zeit danach, fast eine Ewigkeit, wenn man mich danach fragt, würde ich behaupten, dass mein Deutsch auf einem akzeptablen Niveau ist, und ich hätte eigentlich nichts worüber ich mich schämen soll. Falsch!
Ich setze immer noch, tagtäglich, irgendeinen Artikel falsch, und werde dabei belächelt (nicht immer nett, sondern mit einer hochnäsigen Arroganz – die einem oft das Selbstwertgefühl einfach wegnimmt), vorallem wenn ich aufgeregt, irritiert oder eben nicht konzentriert bin. Ich weiß, dass es eine Sache ist womit ich selbst lernen muss zurecht zu kommen, keine Diskussion. Nur…Und hier kommt meine Irritiertheit zur Vorschein. Meine lieben deutschsprachingen Freunde, Bekannte oder eben einfach Mitmenschen: ist euch eigentlich klar, dass wir das nicht aus Dummheit, Ignoranz oder Bosheit machen? Ist es euch klar, dass es einfache Erklärungen dafür gibt, dass wir uns schwer tun mit den Artikeln? Eine der einfacheren ist, dass es Artikel in manchen Sprachen nicht gibt (Russisch) oder sie anders benutzt werden. Die andere Erklärung ist: andere Länder, andere Sitten heißt es doch so schön im deutschen Kulturraum, und ich addiere dazu auch anderer Sprachgebrauch. Was ich damit meine ist, dass während im Deutschen, nur als Beispiel, die Sonne weiblich ist und der Mond männlich, sind sie woanders männlich bzw. weiblich (und/oder vielleicht sachlich!): il sole (m. - Italienisch), soarele (m. - Rumänisch), soleil (m. – Französisch) bzw. luna (f. – Italienisch), luna (f. Rumänisch), Lune (f. französisch). Ein weiteres Beispiel, ein für mich bis heute sehr irritierendes, ist DAS Mädchen. Ich kenne natürlich die sprachliche Geschichte hinter dem “das”, das macht es für mich und wohl für viele der anderen Romanischsprechenden (wo das Mädchen weiblich ist, biologisch und grammatikalisch!) nicht leichter. Nichts destotrotz ist für mich im deutschen Sprachgebrauch klar: ein Mädchen ist ein das -  aber wohl für die Mehrheit der Fremdsprachler nicht. Manche weil sie, im Moment des Sprechens, nicht die Zeit dafür haben (aus welchem Grund auch immer) sich zu überlegen, dass das Wort sachlich ist und wieso. Manchem wird garnicht erklärt wieso – denn viele Deutschlehrer wissen es, erstaunlichweise, leider tatsächlich nicht –, was für viele aufmerksame Sprachlerner doch hilfreich sein würde. Natürlich haben aber manche Lerner auch kein Bock dazu und sind der Meinung, dass allein die Benutzung des Substantiv reichen solle. So viele Facetten eines Problems! Es heißt nicht immer Dummheit und Ignoranz.

Apropos “gute” Sprachlerner und Fremdsprachensprecher:

Und dies sind sehr wenige Beispiele von Menschen des öffentlichen Interesses, es gibt viele andere in dieser Kategorie und Millionen anderer in Deutschland. Wohl gemerkt nicht nur im Englischen.
Der einzige unterschied zwischen Menschen, die eine Fremdsprache in Italien, Spanien, USA oder sonst wo sprechen und Menschen, die Deutsch als Fremdsprache hier in Deutschland sprechen, ist, dass sie nicht ausgelacht, belächelt, bemitleidet oder sonstiges werden. Versucht man in Italien mit 5 Wörtern Italienisch und allen Gliedern zu reden wird man herzlich und freundlich aufgenommen. Versucht man in Deutschland mit einem Sprachniveau auf mindestens C1 zu reden, wird man nicht immer, aber in den meisten Fälle in irgendeiner negativen Art behandelt. Ich empfinde dies als einfach unheimlich traurig.